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ATAK:
Verrückte Welt
Berlin: Jacoby & Stuart 2009
28 ungez. Seiten
€ 14,95
Bilderbuch ab 4 Jahren

ATAK: Verrückte Welt

Mal umgedreht

von Mirjam Sommer (2009)


Welches Kind wünscht sich nicht, dass manches auch mal umgedreht sei? Wenn es den Eltern sagen dürfte, wo es lang geht, oder es mit dem Auto fliegen könnte? Nicht anders geht es Erwachsenen, die sich auch mal wünschen, nicht hart für ihr Geld arbeiten zu müssen. Diese Wünsche illustriert Georg Barber alias ATAK wunderbar in seinem neusten Werk „Verrückte Welt“. Er zeichnet die lustigsten Ideen zu der Vorstellung, wie es aussähe, wenn es mal verkehrt herum ginge. So jagt schon im Vorsatz des Bilderbuchs eine Maus drei Katzen. Diese Maus, ganz offensichtlich eine Verwandte von Micky Maus, scheint zur Erzählerin und gleichzeitig Protagonistin der Geschichten zu werden, indem sie gleich zu Beginn einen sehr holprigen Lügen-Rap vorträgt und fortan grinsend – mal agierend, mal partizipierend, mal ganz beiläufig – durch jedes Bild spaziert. Erst im eingeklebten Spiegel des Buches sehen wir sie sich zur Ruhe legen, und nur der Mann im Mond schaut noch auf sie herab.

Aber das ist noch nicht das Fabelhafteste. Auf der ersten Seite finden sich die an den Polen beheimateten Tiere im Dschungel wieder. Aber wer glaubt, die Pole seien jetzt unbewohnt, irrt, da auf der letzten Seite alle Geschöpfe des Dschungels auf dem Nord- oder vielleicht auch auf dem Südpol wiederzufinden sind. Jedoch nicht nur verrückte Ideen aus dem Tierreich setzt ATAK witzig um, sondern auch allerlei Situation aus der Menschen- und Märchenwelt. Wer löscht schon Wasser mit Feuer? Welcher Schnellzug kann fliegen? Auch erinnern wir uns klar, dass es nicht das finster dreinblickende Rotkäppchen war, das im Wald den völlig verschüchterten Wolf ansprach.

Die Idee dieses Bilderbuches ist sehr witzig, wenn auch sehr alt, handelt es sich bei ATAKs Werk doch um eine Neuinterpretation des in Literatur und Malerei vielfach bearbeiteten Motivs der ‚verkehrten Welt‘. Die Umsetzung ist etwas gewöhnungsbedürftig. Jede Seite des Bilderbuches ist flächig bemalt. Die Farbgebung wirkt eher düster, und ATAKs Technik des Übermalens verleiht den Bildern einen bisweilen schon fast ‚schmutzigen‘ Ausdruck. Gearbeitet wurde mit einem Mix von Acrylfarben und Buntstiften, was dem Ganzen eine leicht chaotische Wirkung verleiht. Teilweise sieht es aus, als habe ein Kind in die Zeichnungen hinein gemalt, wo doch die Konturen alle scharf gezeichnet und die Motive realistisch ausgeführt werden. Die vollgemalten, überbordenden Bilder laden den Betrachter ein, die vielen kleinen, teilweise offenen, teilweise versteckten Anspielungen zu erschließen. Da entdeckt man einen kleinen Affen unter einem Frühstückstisch, der sich anscheinend einen Apfel stibitzt hat – was sicherlich auch ikonographisch ausgedeutet werden könnte. Viele Bekannte aus Comics tauchen auf; so haben z. B. Tim und Struppi die Größenverhältnisse miteinander vertauscht und spazieren mit einem Punker munter durch die Großstadt. Neben solchen Motiven finden sich auch vielfältige Zitate aus der Kunst, wie etwa eine Anspielung auf Matisses gouache découpée „Der blaue Akt“. Kindlichen Betrachtern bleibt dieses beziehungsvolle Spiel mit Zitaten sicherlich verschlossen, doch bieten die Bilder allein genug Anreiz zum Weiterspinnen und zum ‚Eigene-Geschichten-Malen‘.

Das Werk trägt die unverwechselbare Handschrift von ATAK, der in den 1990er Jahren die deutsche Comicavantgarde maßgeblich mitgeprägt hat. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, war er 1989 Mitbegründer der Comicgruppe „Renate“ und bewegt sich seither aktiv im diffusen Feld zwischen Comic, Illustration und Kunst. Typisch für seine Ausstellungen und Werke ist, dass die Bilder selten einen Zusammenhang aufweisen, wie auch in „Verrückte Welt“ festzustellen ist. In seinen Illustrationen glaubt man teilweise schon bekannte Darstellungen wieder zu erkennen, wie z.B. die Dr.-Oetker-Werbung oder Heinrich Hoffmanns „Geschichte vom wilden Jäger“. ATAKs Jugend als Punk ist sicherlich eine gesellschaftskritische und subversive Grundhaltung gedankt. In der momentanen Krise erhält so ein Bild, auf dem ein Punker einem bettelnden Banker hundert Euro spendet, eine sehr politische Bedeutung.

Dieses Buch wird empfohlen für Kinder ab vier Jahren. An manchen der Bilder werden Vierjährige sicher ihre Freude haben, wie z. B. an jenem, auf dem ein Baby seine Mutter füttert. Manche hingegen werden sich nicht sofort erschließen. Aber darin liegt vielleicht auch der Reiz des Buches, dass man mit zunehmendem Alter immer neue Dinge entdecken kann.

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