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Kirsten Reinhardt:
Fennymores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht
Mit Illustrationen von David Roberts
Hamburg: Carlsen 2011
160 Seiten
€ 11,90
Illustriertes Kinderbuch ab 9 Jahren.

Reinhardt, Kirsten (Text) und David Roberts (Illustration): Fennymores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht

Geschnurztagsunterraschungen, Speisedackel und andere Merkwürdigkeiten

von Carina Röhrborn (2012)

Fennymore Pause hat nicht nur einen außergewöhnlichen Namen, er führt auch ein ziemlich ungewöhnliches Leben. Der Junge lebt nach dem plötzlichen Verschwinden seiner Eltern, den Erfindern Fenibald und Regina Pause, ganz allein in „Bronks“, einem großen, alten Haus abseits von einem kleinen Ort, dessen Wirtschaftskraft sich einzig und allein auf die Produktion und den Verkauf von Regenhüten gründet. Seine Eltern hatten früher gemeinsam für andere Leute Erfindungen entwickelt, die Fennymores Vater in seinem Erfinderlexikon festhielt. Das kennt Fennymore längst auswendig und erinnert sich häufig daran. Doch die letzte Erfindung, an der seine Eltern gearbeitet hatten, bevor sie sich buchstäblich in Luft auflösten, war streng geheim, und noch nicht einmal Fennymore hatte etwas davon erfahren dürfen.

Jetzt hat Fennymore, „ein eigenartiger Junge“ von etwa zwölf Jahren (so genau weiß er das selber nicht), nur noch Monbijou, sein himmelblaues Fahrrad, das sich für ein Pferd hält und deshalb gerne Heu frisst. Monbijou teilt Fennymores beschauliches, fast langweiliges Leben und leistet ihm Gesellschaft. Und dann ist da noch die etwas verschroben-mürrische Tante Else, die jeden Sonntag zu Besuch kommt, um mit ihrem Neffen selbstgebackenen Dackel im Salzmantel zu essen und Holunderblütentee zu trinken. Doch an einem vermeintlich ganz normalen Augustsonntag stirbt sie plötzlich an Dackelvergiftung. Und noch weitere rätselhafte Vorfälle ereignen sich: Ein silbriggrauer Mann materialisiert sich, und auch Monbijou ist plötzlich nicht mehr da. Als Fennymore sich auf sie Suche nach ihm macht, erfährt er Dinge, die sein Leben ganz schön durcheinanderwirbeln …

Während der gesamten Geschichte, die Erzählrequisiten ganz unterschiedlicher Genres in sich vereinigt, gelingt es der Autorin Kirsten Reinhardt spielend leicht, Reales mit Phantastischem zu verbinden, sodass Fennymores Welt beim Lesen zwar im ersten Moment irritiert, dann aber doch völlig logisch und in sich schlüssig daherkommt. So erscheint es zum Beispiel als sonnenklar, dass Fennymore nicht zur Schule geht. Wie denn auch, wenn er doch am Sonntag mit Tante Else Dackel im Salzmantel isst, Montag und Dienstag Bauchweh davon hat und nur Sellerie zu sich nehmen kann? Mittwochs kauft er dann Leberwurst und Bananensplit, das einzige, was er sonst noch isst. Donnerstags macht er mit Tante Else Jagd auf Dackel, bei deren aufwändiger Zubereitung er ihr freitags hilft – und am Samstag ist die Schule leider geschlossen.

Reinhardt ist mit ihrem phantasievollen Erstlingswerk ein wunderbares Buch für Kinder gelungen, das auch älteren Vorlesern Freude bereitet, durch seine forcierte Skurrilität aber auch irritieren mag. Nicht jeder wird sich sofort mit Abstrusitäten wie etwa der Schilderung der Dackeljagd in der Fußgängerzone anfreunden – Abstrusitäten, die mitunter die Geschmacksgrenze streifen (siehe etwa das Seite 13 abgedruckte Rezept „Dackel im Salzmantel“ mit genauen Handlungsanweisungen).

Die Geschichte ist in handliche 26 Kapitel untergliedert, denen kurze Auskünfte darüber vorangestellt sind, was auf den jeweils nachfolgenden Seiten zu erwarten ist. Ungeachtet dessen, dass „Fennymores Reise“ die Bezüge zum Normalen fehlen, erscheint das Leben des Jungen doch sehr alltäglich und nachvollziehbar. Und obwohl Fennymore zusammen mit seiner neugewonnenen Freundin Fizzy Kobaldini ein kniffliges Rätsel zu lösen hat und sich einem üblen Bösewicht an die Fersen heftet, ist die Geschichte mit einer ordentlichen Portion Humor gespickt. Die Federzeichnungen von David Roberts – sie sind als mintunter hintergrundlose und freigestellte Illustrationen in das Textfeld integriert, nehmen jedoch auch häufig als durchkomponierte Darstellungen eine volle Seite ein – akzentuieren deren verschroben-absonderliche, streckenweise etwas beklemmende Seite durch ihre Überbetonung der Vertikalen, ihre verzerrten Relationen und die grotesk-komische Gestaltung der sonderbar steifen Figuren. Sie hat Roberts in röhrenförmige Kleidungsstücke gesteckt, deren linierte und schraffierte Muster sich häufig an den Gegenständen in der Umgebung wiederfinden.

Der lockere und unbekümmerte, dennoch pointierte Schreibstil, den Kirsten Reinhardt an den Tag legt, ist zwar stellenweise etwas fremdwortlastig, aber das dürfte selbst jüngere Leser kaum aus dem Konzept bringen, erklären sich die Begriffe doch meist selbst aus dem Kontext. Zu Recht wurde der Kinderroman – noch als Manuskript – 2009 mit dem renommierten Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg ausgezeichnet. In ihrer Laudatio betitelte ihn die Schriftstellerin Christa Kožik („Moritz in der Litfaßsäule“) als „kleines Meisterwerk“. Die Geschichte sei „tiefsinnig, ironisch heiter, von schwarzem Humor durchdrungen, die in ihrer Mischung aus Realem und Fantastischem nicht von jener oberflächlichen Fantasie ist, die den Kern der Geschichte überdeckt." Genau auf diese Art und Weise werden unterschiedliche, durchaus ernste Themen wie das Alleinsein, Familie oder soziale Ungerechtigkeiten behandelt und sogar erste Einblicke in wirtschaftliche Mechanismen gewährt. Vielleicht ist genau diese Erfahrungsvielfalt Inhalt der sprichwörtlichen Reise, die Fennymore antritt.

„Fennymores Reise“ berührt, macht uns hier und dort ein wenig nachdenklich und bringt uns dazu, laut zu lachen. Und ganz nebenbei erfahren wir durch die Lektüre, was eine „Geschnurztagsunterraschung“ ist, wie man Speisedackel schmackhaft zubereitet, wer tatsächlich den Regenschirm erfunden hat und warum Stinkesocken manchmal auch nützlich sein können. – Kirsten Reinhardt arbeitet in Berlin bereits an ihrem nächsten Kinderbuch. Gerne mehr von diesem risikofreudigen Mix aus belebender Leichtigkeit und schwarzem Humor!

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