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Frascella, Christian:
Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe. Roman
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Frankfurt a. M.: Frankfurter Verlagsanstalt 2012
316 Seiten
€ 22,95
Jugendbuch ab 14 Jahren

Frascella, Christian: Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe. Roman

Großmaul

von Matthias Munkel (2012)


Ein Held ist eine Person mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Eigenschaften, seien sie körperlicher Art oder geistiger Natur. Solche Helden finden sich in vielen literarischen Werken wieder, von der Antike bis hin zur Gegenwart. Einen Antihelden hingegen findet man nicht so häufig, zumindest nicht in der Jugendliteratur. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass das Debüt „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ des italienischen Autors Christian Frascella von ebenso einem handelt.

Frascella präsentiert einen Jugendlichen, der sich durch seine Verachtung für seine Mitmenschen und seine gesamte Umwelt selbst zum Underdog macht. Der egozentrische Ich-Erzähler bewältigt seinen Alltag mehr schlecht als recht. Ständige private Niederlagen pflastern seinen Weg. Und dass er selbst noch zwischen Pubertät und Erwachsenenwerden feststeckt, erleichtert seine Situation mitnichten.

Die Mutter hat die Familie verlassen. Sie ist „mit einem Tankwart abgehauen, einem Typen, der dreizehn Jahre jünger war als sie.“ Das gesamte Konstrukt der wohlbehaltenen Familie ist spätestens zu diesem Zeitpunkt zerstört worden. Jeder in der restlichen Familie reagiert anders. Die Schwester zieht sich in ein frommes Dasein zurück, daher ihr Spitzname „Mönchsrobbe“. Der Vater, nur „Chef“ genannt, flüchtet in Trübsal. In seiner Hängematte im Garten liegend ist er auf dem bestem Weg, Alkoholiker zu werden. Der Junge fühlt sich verlassen und missverstanden. Die Flucht der Mutter hat ihn in seinen Grundmauern erschüttert. Er überspielt dies aber in jeder Situation mit Gleichgültigkeit und Verachtung.

Der Roman startet mit einer für den Jungen typischen Situation. Er gerät wegen eines Mädchens in einen Streit mit einem Mitschüler. Körperliche Unterlegenheit, eine unerschütterliche Arroganz und die dazugehörige große Klappe lassen ihn nicht zum ersten Mal auf dem Boden liegen. Es folgt der Schulverweis. Die „Schande der Niederlage plus diverse Verletzungen, das war zu viel“. Doch der Ich-Erzähler wäre nicht er selbst, würde er sich damit abfinden. Nach etlichen Drehungen, Wendungen und Selbsttäuschungen ist für ihn klar, dass er seinen Gegner ins Krankenhaus befördert hat. Auch wenn sich herausstellt, dass es der Vater war, der den Jungen wegen der Schlägerei nachträglich krankenhausreif geprügelt hat, ist das für den Protagonisten eine reine Nebensächlichkeit. Die Lernresistenz des Maulhelden ist systematisch. Jede Niederlage bestärkt seine Verachtung für seine Umwelt. Wenn er mal nicht auf sich fixiert ist, läuft er allerdings mit offenen Augen durch die Welt. Er hat eigentlich eine durchaus gute Wahrnehmung und kann wichtige Dinge von unwichtigen unterscheiden – aber eben nur, wenn es nicht um ihn selbst geht. Doch steht ihm seine grandiose Selbstüberschätzung im Weg, und seine Träume und seine Verletzlichkeit verbirgt er hinter einer Fassade aus rotziger Arroganz und Ironie.

Als er eines Tages Chiara, die Angestellte eines Supermarkts, kennenlernt, könnte die erste Begegnung für ihn nicht schlechter laufen. Die sich aus einer Lappalie ergebende Situation eskaliert, so dass der Chaot erneut Prügel bezieht: diesmal von Chiara. Vielleicht ist es die Unnahbarkeit oder die Selbstsicherheit der älteren Chiara, die den Geprügelten anzieht. Je häufiger sie ihm einen Korb gibt, desto mehr verehrt er sie. Er ist in Chiara verliebt und hasst sie zeitgleich, da sie ihn andauernd abblitzen lässt. In seiner Überheblichkeit kann er nicht begreifen, dass sie für ihn unerreichbar bleibt. Er versucht, sie immer wieder zu sehen und ihr nahe zu sein, sei es durch ein offenes Gespräch im Supermarkt oder versteckt hinter einem Container. Doch nichts fruchtet, und wenn Chiara sich einmal ein Stück auf ihn zubewegt, vermasselt er sich gleich wieder seine Chancen durch seine Großmäuligkeit. Umso entnervter ist er, als Chef eine Frau mit nach Hause bringt und er feststellen muss, dass sogar die „Mönchsrobbe“ einen Verehrer hat.

Zwar findet der Protagonist nach seinem Schulverweis eine neue Arbeit als Blechebieger in einem großen Unternehmen, doch lassen seine privaten Probleme ihn emotional auf der Stelle treten. Alles in ihm dreht sich um einen einzigen Gedanken: Chiara.

Seine neue Stiefmutter in spe dreht den Chef und das gesamte Hausinventar um. Immer öfter kommt zur Sprache, nach dem Hausumbau eine neue Familie zu gründen. Dabei wird weder auf die Meinung des erzürnten Jugendlichen noch auf seine Teilnahme gesetzt.

Erst im letzten Teil des Buches, wenn es scheint, den Jungen könne es schlimmer nicht mehr treffen, schildert Frascella eine entscheidende Wendung. Chef wird auf Grund einer Leberblutung in ein Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Die Möglichkeit seines Todes lassen den Teenager verzweifeln, bringen ihn aber auch näher an die tröstende Chiara. Er erkennt wieder, was wirklich zählt. Die Familie, die er noch hat, bedeutet ihm mehr, als er sich vorher eingestanden hat. Auch Chefs Freundin, die der Familie neuen Schwung und weniger Alkohol verabreicht, macht einen Schritt auf den bislang so abweisenden Jugendlichen zu: „Da spürte ich plötzlich eine Hand, die mein Gesicht streichelte. Die Berührung tat mir gut“.

Das Buch erzählt vom trostlosen Leben eines Teenagers, vom unvermeidlichen Erwachsenwerden und Sich-dagegen-Wehren. Der Autor hat mit dem Protagonisten einen – im doppelten Sinne – schlagfertigen Charakter geschaffen, der durch seine Art unausstehlich wirkt, sich aber durch seine unerschütterliche Naivität und sein großes Herz einen großen Sympathiewert erspielt. Wer den Panzer aus Arroganz des rebellischen Fast-Erwachsenen überwindet und sich von dessen ‚Scheißegal‘-Einstellung nicht berühren lässt, erkennt einen eigentlich liebevollen Jungen, der trotz vieler Schicksalsschläge noch immer nicht aufgegeben hat.

Alleine die Handlung macht das Buch nicht lesenswert, denn wer einen originellen Handlungsstrang sucht, sucht vergebens. Es ist der Junge mit seiner provozierenden Art und Sprache, der das Buch lesenswert macht – etwa, wenn er Chefs Freundin mit dem Blick eines Mannes mustert und feststellt, „dass sie knapp auf Körbchengröße B kam“, oder wenn er Chiara in die Parade fährt, die ihn wegen einer Essenseinladung auslacht: „Fick dich ins Knie. […] Was soll so Besonderes an dir sein, ist sie bei dir aus Gold mit Silberbändchen?“

Christian Frascella hat für seinen Roman „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ mehrere Preise erhalten. Diese kommen nicht von ungefähr, denn den Leser des Buches erwarten freudige Stunden. Man wird seinen Spaß an dieser humorvollen Erzählung haben. Schmunzelnd oder peinlich berührt.

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