Jugendbuch

Moeyaert, Bart:
Küss mich!
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler.
Weinheim u. a.: Beltz & Gelberg 2003.
(Erstausgabe 1993)
96 S., € 5,90.

Buchcover

Leseprobe
„Die Falsche Blonde ist schlau“, sagte er. „Wenn wir das Geheimnisspiel spielen, erzählt sie jedes Mal dasselbe. Das ist bequem für sie. Ein Geheimnis zu verlieren ist besser als drei. Ihr blödes Geheimnis ist das meistgeteilte. Deshalb weiß ich, was du suchst.“
Lena starrte Wijting an. Er verschwand wieder hinter dem Hügel und kam mit einem großen dürren Ast zurück, den er hinter sich herschleppte. Die Gedanken schossen durch Lenas Kopf.
Das Geheimnis der Falschen Blonden ist das meistgeteilte. Geteilt mit Marit und mit Wijting, aber nicht mit mir! Nie mit mir. Nie gehöre ich dazu, Wicht, der ich bin, ein hässliches, plumpes, unförmiges Vollgewicht.
„Und warum ich nicht?“ sagte Lena. Sie krabbelte hoch und hielt sich an dem weißen Pfahl fest. „Warum wieder nicht ich? Ihr seid nicht meine Freunde.“
Wijting ließ den Ast neben seine Füße fallen. Er seufzte.
„Marit und ich sind schon deine Freunde. Die Blonde gehört nicht dazu, Lena, die Blonde gehört nicht dazu.“
„Und das soll ich glauben? Wenn ich dazu gehöre, warum weiß ich dann von nichts? Wieder mal?“
Wijting stieg über den Ast und kam zögernd auf Lena zu. Er streckte seine knochige Hand nach ihr aus, überlegte es sich aber und streichelte nur kurz über ihren nackten Arm.
„Das musst du dir merken“, sagte er. „Menschen sind nicht immer so, wie sie aussehen – das ist Nummer eins. Und Geheimnisse sind immer Geheimnisse. Egal, von wem. Das ist Nummer zwei. Große Geheimnisse sind dazu da, dass man über sie schweigt.“
„Das ist Nummer drei.“
(S. 32 f.)
„Was wir sagen, bleibt fest verschlossen“
von Claudia Rathmann (1996)
Schwitzend und keuchend schleppt sich Lena den Hügel hinauf, um das erste Geheimnis der Falschen Blonden zu sehen. Doch als sie endlich den Gipfel erreicht hat, ist das Versteck leer und das Geheimnis verschwunden. „Für eine alte Holzkiste hatte sie sich hier heraufgeschleppt! Wieder war sie dem blonden Mädchen in die Falle getappt. Ihr mit dem Geheimnis, das nicht da war.“

Mit dieser Szene beginnt der flämische Autor Bart Moeyaert seine Novelle „Küss mich!“ und führt die beiden Hauptfiguren der Erzählung ein. Da ist die übergewichtige Lena, für die der eigene Körper eine einzige Qual ist. Von anderen verhöhnt und als Pudding beschimpft, empfindet sie sich selbst als „hässliches, plumpes, unförmiges Vollgewicht“, das nie richtig dazugehört.

Ganz anders hingegen die Falsche Blonde: Schlank und geschmeidig scheint sie unter gar nichts zu leiden. Sie weiß um ihre Schönheit und genießt ihre Wirkung auf andere. Doch auch sie ist eine Außenseiterin, mit der niemand wirklich befreundet sein möchte, denn „die Falsche Blonde war falsch und voller Heimtücke“.

Kein Wunder also, dass sie auch beim Geheimnisspiel täuscht. Doch wer nichts gibt, kann auch nichts bekommen: „Du kein Wort, ich kein Wort, und jetzt erst recht nicht.“ Lediglich ihrem Schulfreund Wijting vertraut Lena an, dass sie vor einiger Zeit einen nackten Jungen beim Baden beobachtet und sich sofort in seinen schönen Körper verliebt hat. Wer so aussieht, wird sich nie für ein „Vollgewicht“ interessieren, denkt Lena und begnügt sich damit, ihn als ihr Geheimnis zu bewahren – etwas, das sie, ohne es zu wissen, mit der Falschen Blonden verbindet: Denn ihr Schwarm Jann ist der behinderte Bruder der Blonden.

Für jedes der beiden Mädchen ist er jemand, der von ihrem wirklichen Leben ausgeschlossen ist. Während Lena glaubt, nicht attraktiv genug für ihn zu sein, verdrängt die Falsche Blonde ihn aus ihrem Leben, weil sie sich seiner Behinderung schämt. Als Jann Kontakt zu Lena aufnimmt, wird das Geheimnis aufgedeckt. Lena muss erkennen, dass nicht nur der eigene Körper ein Handicap sein kann. Die Falsche Blonde wird gezwungen, ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Jetzt können die beiden Mädchen überwinden, was sie trennt. Jede ein Geheimnis, so geht das Spiel. Und als Zeichen gegenseitigen Vertrauens besiegeln sie den Tausch, wie es die Regel verlangt: „Was wir sagen, bleibt fest verschlossen. Küss mich.“

Bart Moeyaert ist ein unter niederländischen Jugendlichen sehr geschätzter Autor. Bereits mit seinem ersten Buch, das er im Alter von 19 Jahren veröffentlichte, gelang dem heute 32jährigen im flämisch-holländischen Sprachraum der Durchbruch. Für seine Novelle „Küss mich!“ wurde er 1992 mit dem flandrischen Bücherlöwen ausgezeichnet.

In diesem auffallend poetischen Buch stellt der Autor an der schwerfälligen Lena die Situation einer Heranwachsenden dar, die Ansprüchen an körperliche Schönheit und Attraktivität nicht genügen kann und deshalb zur Außenseiterin wird. Es gelingt ihm, die Gefühle des Mädchens für den Leser nachempfindbar zu machen, indem er alle Ereignisse konsequent aus ihrer Sicht schildert. Wie wichtig es für das Selbstwertgefühl einer 14jährigen ist, nach außen ein makelloses Bild abzugeben, wird aber auch an der Figur der Falschen Blonden deutlich, die dafür sogar ihren Bruder verschweigt.

Mit dem Geheimnisspiel trifft Moeyaert auch in punkto Freundschaftsbeziehungen ins Schwarze. Geheimnisse zu haben und mit einer besten Freundin oder einem besten Freund zu teilen, ist typisch für Freundschaften in dieser Entwicklungsphase. Wichtig ist dabei vor allem, dass man dem anderen vertrauen kann. „Was wir sagen, bleibt fest verschlossen ...“