Jugendbuch

Rolf Lappert:
Pampa Blues
München: Hanser 2012.
252 Seiten.
€ 14,90.
Kindle eBook: € 11,99.
Ab 14 Jahren.
Jugendbuch.

„,Oh Gott!‘, ruft Otto plötzlich und streckt den Arm aus. ,Da!‘
Wir alle sehen in die Richtung, in die Otto deutet.
Dort schwebt es.
Die farbigen Lichter des UFOs blinken, während es langsam in die Höhe steigt.“ ...

Buchcover

Leseprobe
„Oh Gott!“, ruft Otto plötzlich und streckt den Arm aus. „Da!“
Wir alle sehen in die Richtung, in die Otto deutet.
Dort schwebt es.
Die farbigen Lichter des UFOs blinken, während es langsam in die Höhe steigt. Ich habe Maslows Plan nie gutgeheißen, aber jetzt, wo das Ding so durch den Himmel schwimmt wie ein leuchtendes Schiff im dunklen Meer, kann ich nicht anders, als es wunderschön zu finden.
Auch den anderen verschlägt es die Sprache. Wie in Trance kippen Otto und Kurt ihren Wodka. Sogar Rühmann, der mit Würsten vollgestopft und mit Bier abgefüllt ist, schaut gebannt und leise winselnd in die Ferne. Karl erhebt sich aus seinem Stuhl und bestaunt mit offenem Mund, was er sieht.
„Wohin fliegt es?“, fragt Kurt irgendwann.
„Ich glaube, von uns weg“, sagt Horst.
„Schade“, sagt Willi und hebt die Hand, wie um zu winken.
Ich trinke meinen Wodka, dann nehme ich möglichst unauffällig das kleine Fernglas aus der Hosentasche, das mir mein Vater zum zehnten Geburtstag geschenkt hat, und sehe mir das Ganze genauer an. Kaum habe ich die Schärfe eingestellt, erkenne ich die winzige Gestalt, die etwa zwanzig oder dreißig Meter unterhalb des immer höher steigenden Ufos hängt. Das muss Jojo sein, und offensichtlich ist er in großen Schwierigkeiten. Eigentlich sollte er das Ding vom Boden aus am Seil führen, aber jetzt zappelt er mit Armen und Beinen wie eine Trickfilmfigur, die von einem Luftballon in die Höhe gehoben wird. Wenn er nicht so weit weg wäre, würden wir bestimmt hören, wie er sich die Lungen aus dem Leib schreit.
„Sie verlassen uns“, flüstert Willi und kippt seinen Wodka. (S. 191)
Und die Wüste lebt…
von Frieder Barta (2012)
„,Oh Gott!‘, ruft Otto plötzlich und streckt den Arm aus. ,Da!‘
Wir alle sehen in die Richtung, in die Otto deutet.
Dort schwebt es.
Die farbigen Lichter des UFOs blinken, während es langsam in die Höhe steigt.“

Große Aufregung in Wingroden, einem Dorf, das zwei Stunden vom nächsten Kino entfernt ist und dessen Buchstaben umgestellt „Nirgendwo“ ergeben. Ein treffendes Anagramm, denn hier passiert eigentlich so gut wie gar nichts. Die früher berühmte Glasbläserfabrik ist seit langem geschlossen. Die Kiesgrube hat ihren Betrieb vor Jahren eingestellt. Und als dann die Bundesstraße eröffnet wird, kommt endgültig niemand mehr nach Wingroden. „Pampa Blues“ – der Titel von Rolf Lapperts Jugendroman ist ebenso schwermütig wie passend.

Auch die Gärtnerei ist in einem desolaten Zustand. Hier wohnt der sechzehnjährige Ben mit seinem Großvater Karl, dem Besitzer der Gärtnerei. Der alte Mann leidet an Demenz und bewegt sich geistig auf dem Niveau eines Kindes. Er arbeitet nicht mehr, sondern reißt die meiste Zeit des Tages farbige Papierschnipsel aus Illustrierten und klebt sie an seine Zimmerwand. Obwohl körperlich vollkommen gesund, verwechselt er beim Tischdecken Gläser mit Löffeln und versteht selbst einfachste Sätze nur noch an guten Tagen. Glücklich scheint er trotzdem zu sein.

Liebevoll pflegt Ben ihn Tag und Nacht so gut er kann und hasst gleichzeitig sein eigenes Schicksal. Ob er auch seinen Großvater hasst, weiß er selbst nicht so genau. Immerhin ist er der Grund dafür, dass Ben in Wingroden festsitzt. Diese paradoxe Beziehung zu Karl – einerseits hat Ben zu ihm ein freundschaftliches, manchmal fast kumpelhaftes Verhältnis, andererseits ist er ihm ein Klotz am Bein – wird zum roten Faden des Romans. Ben wächst ständig an seiner Aufgabe. Dabei sind die Rollen gründlich vertauscht, denn offiziell absolviert Ben gerade eine Gärtnerlehre bei seinem Großvater.

Geschickt eingefädelt hatte dies Bens Mutter, die den Ausbildungsplatz bei den Ämtern durchboxte. Aus ihrer Sicht ist so allen gedient: Ben macht eine Lehre, ihr Schwiegervater ist versorgt, und sie kann ihrem Beruf nachgehen – als eher unbekannte Jazzsängerin tingelt sie mit ihrer Band durch die Clubs der europäischen Großstädte und verdient damit mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt. Das Verhältnis zu ihrem Sohn besteht vor allem darin, ihn alle paar Wochen anzurufen und zu fragen, ob es ihm etwas ausmache, wenn die Tournee noch ein bisschen länger dauere.

Ben sagt zu allem ja. Doch insgeheim wünscht er sich nichts sehnlicher als das, was man sich mit sechzehn Jahren wünscht, wenn man in einem staubigen Dorf mit neun Einwohnern lebt, in dem sogar Hunde mit Bier abgefüllt werden, damit sie es aushalten: ein paar Tage frei zu haben, in die nächste Großstadt zu fahren, auf ein Konzert zu gehen, vielleicht ein Mädchen kennenzulernen.

Die breite Exposition des Buches lässt viel Raum für die Entwicklung der einzelnen Handlungsstränge. Vor allem aber wird in ihr das überaus beschauliche, fast schon statisch wirkende Dorfleben geschildert. Wen wundert es da, dass es Ben vor Langeweile und Unterforderung in seinen Gedanken oft in die Ferne zieht? Sein großer Traum ist es, mit einem VW-Bus nach Afrika zu fahren, um die Naturreservate zu besuchen, in denen sein Vater vor seinem tödlichen Unfall als Wissenschaftler gearbeitet hat. Ben kennt sämtliche Literatur über Afrika, die in der Umgebung verfügbar ist, kann außerdem anhand des Sonnenstandes die Uhrzeit auf zwanzig Minuten genau ablesen und ein Zelt in absoluter Dunkelheit aufbauen. Auch das zum Tuk-Tuk umgebaute Mofa, auf dem er mit seinem Opa täglich zur Bar fährt, ist ein Hinweis auf sein Fernweh.

Das genaue Gegenteil dazu stellt Bens erwachsener Freund Maslow dar. Er war früher Golfprofi und hatte bereits die halbe Welt gesehen, als er sich als reicher Mann zur Rückkehr an seinen Geburtsort entschied und dort den alten Dorfladen seiner Eltern übernahm. Seitdem kann er sich kein anderes Leben mehr vorstellen und finanziert selbstlos den ganzen Ort, um ihn vor dem Aussterben zu bewahren. Seine Hauptbeschäftigung ist es daher, sich immer verrücktere Dinge zu überlegen, mit denen er Wingroden aus der Bedeutungslosigkeit holen und zum Touristenparadies verwandeln könnte.

Nach einigen fehlgeschlagenen Investitionen ist sein Vermögen jetzt fast aufgebraucht. Seine neueste Kreation und zugleich letzte Chance ist ein selbstgebautes, kleines Papp-UFO. Um die größtenteils arglosen, gutgläubigen Dorfbewohner von der Existenz außerirdischen Lebens zu überzeugen, lässt er das Gefährt, das blinkt und unheimliche Brummtöne von sich gibt, nachts an einer Angelrute von den Dächern baumeln, so dass es genau vor dem Schlafzimmerfenster schwebt. Die Bewohner sehen das Ufo vom Bett aus und Nacht für Nacht glauben immer mehr Menschen an die Story.

Zentraler Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch ist die Dorfkneipe, geführt von Maslow, der auch diese Institution mit eigenem Kapital künstlich am Leben erhält. Die einzigen Gäste der Kneipe sind die im Dorf verbliebenen Personen, die sich allabendlich zum Stammtisch treffen. Dabei kommt es oft zu skurrilen Unterhaltungen zwischen vier älteren Landwirten, die ebenso sympathisch wie schrullig sind und bierselige, aber trotzdem todernste Diskussionen über Ufos, Geflügelzucht und Liebesfilme führen. Die Bauern arbeiten teilweise zusammen auf ihren Höfen und bilden mit ihrer trägen Naivität ein weiteres Gegenstück zum umtriebigen Maslow, der geschickt die Fäden zieht, um unauffällig alles in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Die Kneipe ist ein wichtiger Bezugspunkt im Roman, von dem aus die Geschehnisse ihren Lauf nehmen und zu dem sie in Form der reflektierenden Stammtischgespräche auch wieder zurückkehren.

Nach einigen Tagen taucht Lena auf, eine junge, geheimnisvolle Frau, die eine Autopanne hat und sich deshalb in der Dorfpension einquartiert. Ben, in dessen Adern laut eigener Aussage „mehr Benzin als Blumendünger“ fließt, findet schnell heraus, dass sie ihr eigenes Auto manipuliert und die Panne nur vorgetäuscht hat. Als er das Maslow erzählt, gibt es bei dem kein Halten mehr. Maslow glaubt, die Mitarbeiterin einer Zeitung vor sich zu haben. Sein gewiefter Plan sieht nämlich vor, Reporter anzulocken und durch große Schlagzeilen weltweite Aufmerksamkeit zu erreichen. UFO-Freaks, so hofft er, würden das Dorf stürmen und ihm als UFO-Wallfahrtsort zu einer neuen Blütezeit verhelfen. Ben dagegen macht sich überhaupt nichts aus der UFO-Story und findet den ersten weiblichen Besuch seit langem aus ganz anderen Gründen interessant: Mit viel Witz wird beschrieben, wie sich die beiden allmählich besser kennenlernen.

Dass der Autor Wolf Lappert vor diesem ersten Jugendbuch vor allem als Regisseur tätig war, spiegelt sich in der Dramaturgie des Buches deutlich wider, die nach dem ruhigen Anfang in eine rasante Beschleunigung übergeht. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse förmlich – und nicht alle erscheinen dem Leser unbedingt realistisch: Das UFO-Projekt läuft völlig aus dem Ruder, und ein Mord erschüttert das Dorf. Dann verschwindet Lena, woraufhin Ben Hals über Kopf aufbricht, um sie zu suchen. Nach wenigen Stunden kehrt er jedoch wieder zurück, weil er die immense Verantwortung erkennt, die er seinem kranken Großvater gegenüber hat. Der Autor markiert mit diesem Entschluss einen wichtigen Schritt in Bens Erwachsenwerden, dem eigentlichen Thema des Romans. Die Wandlung des Protagonisten ist ein wesentliches Merkmal der sogenannten „coming of age novel“. Auch die in dieser Romangattung typischen Themen wie Ablösung von den Eltern, erste Liebe, wachsende Verantwortung und der Wunsch nach dem Auszug von zuhause sind Materien, die sich in „Pampa Blues“ wiederfinden..

Vor allem vor dem Hintergrund, dass es sich um Lapperts erstes Jugendbuch handelt, ist die sprachliche Gestaltung bemerkenswert gut gelungen: Bildhafte Passagen wechseln sich ab mit nüchternen Beschreibungen und verbinden sich zu einer trockenen Komik. Auch bei Schilderungen aus Bens Perspektive wird nicht etwa der Versuch unternommen, zwanghaft eine Jugendsprache nachzuahmen, sondern ein wohltuend abgeklärter Erzählstil durchgehalten.

Ob realistisch oder nicht – Wolf Lappert hat einen mitreißenden Roman geschrieben, der den Leser bis spät in die Nacht wach hält.