Übergangsbuch

Patrick Ness, Siobhan Dowd und Jim Kay (Ill.):
Sieben Minuten nach Mitternacht
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell.
München: cbj 2011.
216 Seiten.
€ 16,99.
eBook: € 13,99.
Ab 13 Jahren.
Übergangsbuch.

„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen Conor O`Malley’ sagte das Monster und schüttelte das Haus, sodass in Conors Zimmer die Bilder von der Wand krachten und Bücher, die Stereoanlage und ein altes Stoffnashorn zu Boden fielen.“

Der dreizehnjährige Conor O´Malley wird eines Nachts, genau um sieben Minuten nach Mitternacht, von einem Monster in Gestalt einer alten Eibe heimgesucht …

Buchcover

Leseprobe
Ein Monster, dachte Conor. Ein richtiges, waschechtes Monster. Im richtigen Leben. Nicht im Traum, sondern hier, vor seinem Fenster. Gekommen um ihn zu holen. Aber Conor lief nicht weg. Ja, er merkte, dass er sich nicht einmal fürchtete. Alles, was er empfand, seit das Monster sich gezeigt hatte, war wachsende Enttäuschung. Denn dies war nicht das Monster mit dem er gerechnet hatte. „ Dann komm doch und hol mich“, sagte er. Eine seltsame Stille traf ein. „Was hast du gesagt?“, fragte das Monster. Conor verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab gesagt, dann komm doch und hol mich.“
(S.18)

Bildprobe
Bildprobe
Ein Monster klopft an
von Sascha Krull (2011)
„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen Conor O`Malley’ sagte das Monster und schüttelte das Haus, sodass in Conors Zimmer die Bilder von der Wand krachten und Bücher, die Stereoanlage und ein altes Stoffnashorn zu Boden fielen.“

Der dreizehnjährige Conor O´Malley wird eines Nachts, genau um sieben Minuten nach Mitternacht, von einem Monster in Gestalt einer alten Eibe heimgesucht. Doch das gewaltige Monster macht dem Jungen keine Angst. Er fürchtet sich vielmehr vor einem Traum – einem stets wiederkehrender Albtraum, in dem ein anderes, düsteres Wesen im Abgrund lauert und darauf wartet, dass Conor „loslässt“. Von diesem Albtraum hat er noch nie jemandem erzählt.

Der Junge steht allein im Leben: Seine Eltern sind getrennt, der Vater lebt mitsamt neuer Familie in den Vereinigten Staaten. In der Schule ist Conor eher ein Einzelgänger. Alles wird überschattet von der schweren Krankheit seiner Mutter: Sie hat Krebs. So ist Conor auch zu Hause auf sich gestellt. Man schließt den Jungen sofort ins Herz. Hilfe möchte er nicht annehmen – müsste er doch zugeben, dass etwas nicht in Ordnung ist. Lieber erledigt er die anfallenden Arbeiten im Haushalt im Alleingang. Er unterdrückt seine Gefühle und kann sich nicht eingestehen, dass seine Mutter bald sterben wird.

Aus einem seiner Albträume weckt ihn das Monster. Brachial, „knarrig“ und groß kommt es daher. Es kündigt an, dem Jungen drei Geschichten zu erzählen, die ihn mit der „Wahrheit“ konfrontieren sollen – „seiner Wahrheit“, der sich Conor unumgänglich stellen muss. Da der Junge aber eben dieser Tatsache nicht ins Auge blicken kann, bleibt für ihn die Bedeutung des Begriffs „Wahrheit“ zunächst im Verborgenen. Und je mehr Conor versucht, die Realität zu verdrängen, desto schwerer wird es für ihn, seine häusliche Situation zu ertragen. Auch der Albtraum überkommt ihn immer öfter.

Conors Vater und auch die Großmutter versuchen, ihn in der schwierigen Situation zu unterstützen, was beiden doch mehr schlecht als recht gelingt. Der Vater will für ihn da sein, ihn aber nicht Teil seiner neuen Familie werden lassen – es bleibt bei einem Besuch. Conors Beziehung zu seiner Großmutter ist schwierig: Die forsche Dame kommt mit Conor nicht gut zurecht. Sie ist eine Frau, die – obwohl selbst keinesfalls ‚alt’ – zu Conor nur schwer einen Zugang findet und von seinen Launen überfordert scheint. Einzig seine kranke Mutter ist alles für Conor.

Zunächst begegnet Conor dem Monster beinahe ‚patzig’. Sein Kommentar: „Ich hab schon Schlimmeres erlebt“. Doch symbolisiert die Eibe das Leben selbst. Immer wieder um sieben Minuten nach Mitternacht erscheint das Monster dem Jungen. Es erzählt ihm die drei angekündigten Geschichten und gibt Conor darin Einblicke in verschiedene Lebensweisheiten. Sie sollen dem Jungen helfen, das bisher schwierigste Kapitel seines Lebens zu überstehen und sich der quälenden Angst zu stellen, der er bislang nur in seinem Albtraum Ausdruck verliehen hatte. Schließlich tritt das Unvermeidbare, der Albtraum, ein – und ‚Conors Monster’ steht ihm in dieser Situation zur Seite.

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist nicht allein durch Patrick Ness ein besonderes Buch geworden, sondern ebenso ob der passenden Illustrationen von Jim Kay, die sich durch das gesamte Buch ziehen. Die Bilder sind ausschließlich in Schwarzweiß- und Grautönen gehalten, was der Düsternis der Geschichte Ausdruck verleiht. Kay kombiniert dabei gekonnt Zeichnung, Malerei und Drucktechniken. Während auf manchen Seiten nur einzelne ‚Kleckse’ das Geschriebene umranden, verschmilzt der Text an anderen Stellen förmlich mit dem Gezeichneten. Immer wieder finden sich auch mehrseitige Bilder, die sich am rechten Rand einer Seite ‚ankündigen’, die darauffolgende Doppelseite völlig einnehmen und sich bis auf die nachfolgende Seite erstrecken. Diese ausdrucksstarken Illustrationen zeigen meist das Monster oder auch Details der Geschichte. Die starke Präsenz der abwechslungsreichen und unkonventionellen Illustrationen spiegelt dabei gut die dunkle und bedrohte Gefühlswelt des Protagonisten wider. Immer wieder finden sich Symbole: der Baum, Dornen, eine verschlossene Tür ...

Ness legt mit „Sieben Minuten nach Mitternacht“ einen bewegenden und tiefgründigen Jugendroman vor, dessen Entstehungsgeschichte ebenfalls bemerkenswert ist: Die Grundidee zum Roman und auch die Charaktere stammen von der renommierten irischen Autorin Siobhan Dowd, die 2007 einem schweren Krebsleiden erlegen ist. Patrick Ness übernahm die ehrenvolle Aufgabe, den Roman zu vollenden. Um Dowd Tribut zu zollen und ihre mitreißende Story zu erhalten, verfasste Patrick Ness dieses einzigartige Werk, das zusätzlich bei Goldmann in einer Ausgabe für Erwachsene erschienen ist.

Der Autor versteht es, mit der Darstellung von Conors Gefühlswelt in dieser emotionalen Geschichte den Leser mitzureißen und ihn in eine düstere, aber dennoch nachdenkliche Welt zu versetzen. Als einziges Manko könnte der unpassend gewählte deutsche Titel angesehen werden. Der englische Originaltitel „A Monster Calls“ beschreibt eher Conors Zusammentreffen mit dem Monster wie auch sein Innenleben. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ erzählt eine überaus gefühlvolle Geschichte, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.