Jugendbuch ab 13 J.

Guène, Faiza:
Paradiesische Aussichten
Aus dem Französischen von Anja Nattefort.
Hamburg: Carlsen 2006.
141 S.
€ 12,-
Jugendbuch ab 13 J.

Buchcover

Leseprobe
Ja, alles wäre besser gelaufen, wenn ich ein Junge wäre. Ich hätte ganz viele Kinderfotos von mir, wie die kleine Sarah. Mein Vater hätte mir beigebracht, Tabak zu kauen. Er hätte mir eine Menge unanständiger Geschichten erzählt, die er auf den Baustellen gehört hatte, und hin und wieder hätte er mir auch kumpelhaft auf die Schulter geklopft, nach dem Motto: „Du bist ein guter Junge!“ Ja, ja. Es hätte mir sogar Spaß gemacht, mich immer wieder genüsslich am Sack zu kratzen, um mich meiner Männlichkeit zu vergewissern. Es hätte mir gefallen ein Junge zu sein. Tja, aber ich bin nun mal ein Mädchen. Eine Tussi. Ein Mädel. Eine Ische halt. Irgendwann werde ich mich wohl daran gewöhnen. (S. 129)
Die Dornen des Koran
von Thomas Mayerhofer (2006)
Doria hat es nicht leicht. Sicher, es ist für niemanden einfach, fünfzehn zu sein. Aber wenn man in der Banlieue lebt und der Vater nach Marokko abgehauen ist, um dort mit einer jüngeren Frau endlich den ersehnten Stammhalter zu zeugen, ist es vielleicht noch etwas härter. Klamotten gibt’s für Doria und ihre Mutter seitdem nur noch aus der Altkleider-Sammlung, ab und zu schaut jemand vom Sozialamt vorbei, und die Menschen begegnen den beiden entweder mit Gleichgültigkeit oder Gutmenschentum, wie der Lehrer Werbert, der jederzeit ein offenes Ohr anbietet, „nur für sein gutes Gewissen und damit er anschließend in einer megaschicken Pariser Bar seinen Kumpels erzählen kann, wie schwierig es ist, in der Banlieue zu unterrichten.“ Dorias heimlicher Schwarm, der einige Jahre ältere Hamoud, ist einer der wenigen Lichtblicke – bis er plötzlich eine Freundin hat.

Wer glaubt, mit „Paradiesische Aussichten“ ein typisches ,Jugendbuch‘, gar ein ,Mädchen-‘ oder ,Problembuch‘ in der Hand zu halten, irrt. Faïza Guènes Roman ist eine Milieustudie der Pariser Vorstadt, eine kritische Auseinandersetzung mit den ,Dornen des Koran‘ und eine Geschichte über die erste Liebe – aber er ist vor allem eine wunderbare Erzählung des Alltags. Gerade weil dieser Alltag den meisten Lesern des Buches nicht vertraut sein wird, gibt es darin vieles zu entdecken. Mit den Augen der Protagonistin, die sich einen unverstellten Blick auf ihre Umgebung bewahrt hat, sieht man in die Gesichter der Vorstadt.

So erfährt man beispielsweise, wie Dorias Mutter als allein erziehende Analphabetin versucht, ihrer Tochter ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu ermöglichen, obwohl sie selbst sich in ihrer Schicksalsergebenheit kaum aus der Sozialisation ihres Kulturkreises hinausentwickelt. Die Beschränkungen, die das importierte Patriarchat islamischer Prägung den Frauen auferlegt, sind ebenso Thema des Buches wie die sozialen Schwierigkeiten der Unterschichten-Jugendlichen und Migrantenkinder. Neben der beruflichen Perspektivarmut und der daraus erwachsenden Kriminalität haben die jungen Menschen aber auch mit ‚normalen’ Problemen der Adoleszenz zu kämpfen. Dazu gehört vor allem die Suche nach der eigenen Identität, nach einer Rolle im familiären und gesellschaftlichen Gefüge. So stellt Doria häufig Gedankenspiele darüber an, wie es wäre, jemand anders zu sein. Mal hadert sie damit, kein Junge zu sein, denn dann hätte ihr Vater die Familie bestimmt nicht verlassen. Mal wäre sie lieber als Polin oder Russin zur Welt gekommen, denn dann wäre sie vielleicht Eiskunstläuferin geworden und hätte „einen superkomplizierten Namen und blonde Haare.“ Erst im Laufe der Zeit lernt Doria, auch ihrem eigenen Ich etwas abzugewinnen. Immer aber ist sie auf der Suche nach einem Leben, in dem es noch mehr gibt als das, was sie täglich sieht, in der es mehr gibt, als „Rap-Musik und Fußball“.

„Paradiesische Aussichten“ zeigt, dass die Menschen im Ghetto im Grunde nicht anders sind, als die der ,Mehrheitsgesellschaft‘ – nicht schlechter, aber eben auch nicht besser, wie man zum Beispiel an der Episode um eine junge Frau aus der Nachbarschaft sieht: Als Samra, jahrelang von ihren männlichen Verwandten wie eine Gefangene eingesperrt und misshandelt, aus dem Viertel verschwindet, ist sie plötzlich „Gesprächsthema Nummer eins“. Die Verbindung aus Teilnahmslosigkeit und Gehässigkeit, mit der die Menschen auf ihr Schicksal reagieren, irritiert und verärgert Doria: „Angeblich hat sie irgendwer in Paris gesehen, mit einem dicken Bauch. Sie soll also schon schwanger sein … Die Gerüchte wandern vom Lebensmittelladen über die Reinigung bis vor das Schultor. Als Samra noch zu Haus in ihrem Betonkäfig eingesperrt war, sprach kein Mensch über sie, als wäre das völlig normal. Und jetzt, wo sie es geschafft hat, sich von ihrem Diktatorbruder und ihrem Foltervater zu befreien, zerreißen sich die Leute das Maul über sie. Ich verstehe das nicht.“Die Schilderung solcher und ähnlicher Szenen wirkt jedoch nie moralisierend, sondern bleibt vom Pragmatismus Dorias geprägt. Sie ist keine große Rebellin, aber sie nimmt Missstände wahr und hat eine Meinung dazu. Für sie ist nicht wichtig, ob man sich immer an die Regeln hält, Hauptsache, man ist insgesamt irgendwie ,in Ordnung‘.

Als Leser ist man eingeladen, das ,Leben der Anderen‘ zu sehen und sich ein Bild zu machen. Man lernt dabei, dass alles zwei Seiten hat und vieles nicht so einfach ist, wie man es vielleicht gern hätte. Das Buch stößt einen jedoch nicht darauf, man stolpert vielmehr von selbst darüber. Ambivalent ist auch Dorias Haltung zu den Normen des Kulturkreises, aus dem sie kommt. Zwar findet sie Hamouds Meinung, Eltern-Kind-Konflikte in der Pubertät seien eine Erfindung westlicher Erwachsener, um ihr Versagen in der Erziehung zu entschuldigen, zu hart. Andererseits macht sie das Fernsehen dafür verantwortlich, dass immer mehr Beziehungen scheitern und immer mehr Ehen geschieden werden – ‚Reich und schön’ impfe den Menschen Ansprüche ein, die das reale Leben selten erfüllen könne. Überhaupt, das Fernsehen: Doria, die selbst nicht viel mit Büchern anfangen kann, nennt es den „Koran der Armen“, so wie im Mittelalter „die bunten Fenster in der Kirche die Bibel der Armen waren, für die Leute, die nicht lesen konnten“. Diese Art von tiefgründigem, manchmal gesellschaftskritischem Humor ist es, die das Buch vor allem auszeichnet. Wo andere Bücher Comedy sind, da ist „Paradiesische Aussichten“ Kabarett. Die arabische Kultur der Pariser Parallelgesellschaft wird jedoch keineswegs nur kritisch gesehen, sondern auch von ihrer heiteren Seite gezeigt, etwa wenn Dorias Mutter im Gespräch mit einer Bekannten, die sie zu etwas drängen will, den „Inschallah-Joker“ benutzt. „Das heißt weder ja noch nein. Die eigentliche Übersetzung lautet: ,Wenn Allah es so will‘. Aber ob Allah es will oder nicht, weiß man nie so genau …“

Sprachlich bewegt sich Guènes Roman auf einem hohen Niveau, ihr Stil ist kunstvoll, fließend und doch unprätentios, einer – freilich sehr aufgeweckten – fünfzehnjährigen durchaus angemessen. „Paradiesische Aussichten“ ist eine intelligente, humorvolle und sehr unterhaltsame Erzählung mit Tiefgang, einem kleinen Schuss Kitsch und einem guten Teil Philantrophie. Man hat zwar auch nach dem Lesen des Buches sicher keine Lust, seinen nächsten Urlaub in der Cité du Paradis (daher übrigens der deutsche Titel) zu verbringen. Aber man beginnt, an den ,Erniedrigten und Beleidigten‘ nicht in erster Linie ihr Anderssein zu sehen.