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Janne Teller:
Krieg. Stell dir vor, er wäre hier
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler.
Mit Illustrationen von Helle Vibeke Jensen.
München: Hanser 2011.
59 Seiten.
€ 6,90.
Ab 12 Jahren.
Übergangsbuch.

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Übersicht
Teller, Janne: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier
Perspektivwechsel
von Andre Kagelmann
Mit „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ liegt nun auch auf Deutsch der markante Nachfolger zum umstrittenen Jugendroman „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ der dänischen Autorin Janne Teller vor. Und beide Werke haben durchaus einiges gemeinsam, denn wie schon beim Vorgänger steht in „Krieg“ nicht die literarisch-ästhetische Gestaltung im Vordergrund: Sowohl „Nichts“ als auch „Krieg“ zeichnen sich durch einen holzschnittartig skizzierten Zugriff auf eine existentielle Problematik sowie durch eine deutliche pädagogische Ausrichtung aus, wobei „Krieg“ dieses Konzept noch radikalisiert – allerdings ohne wie der Vorgänger zu skandalisieren. Dabei zielt „Krieg“ zudem nicht auf eine individuelle bzw. soziale Sinnstiftung, sondern nimmt sich, in Verbindung mit der Bewusstmachung unterschiedlicher kultureller Wertvorstellungen, der Migrationsproblematik an.

Auch in diesem Werk ist es Janne Teller nicht um eine ausdifferenzierte Argumentation zu tun. Vielmehr liegt der Clou von „Krieg“, das bereits 2001 entstanden und 2004 in Dänemark erschienen ist, in der Verkehrung der Verhältnisse der realen Welt. Die Leserinnen und Leser werden – schon im programmatischen Untertitel – aufgefordert, an einem Gedankenexperiment teilzunehmen: Es ist hier nicht die arabische oder afrikanische Welt, die im Chaos des Krieges versinkt, sondern Europa. Es sind nicht Araber, Palästinenser oder Afrikaner, die aus ihren Heimatländern fliehen, sondern Deutsche, Franzosen oder Italiener. Unterstützt wird dieser Plot durch den editorischen Kunstgriff, länderspezifisch modifizierte Ausgaben zu verlegen: Dänischen Leserinnen und Lesern wird ein dänisches Flüchtlingsdrama nahegebracht, deutschen ein deutsches; für Veröffentlichungen in weiteren Ländern ist eine Fortführung dieses Konzepts geplant. Krieg und Revolution finden in der erzählten Welt also nicht mehr irgendwann in der Vergangenheit oder irgendwo in der Welt statt, sondern jetzt und hier. Es ist dieser Distanzverlust durch Umkehrung, aus dem das Werk sein pädagogisches Potenzial bezieht. „Krieg“ setzt also auf Projektion anstelle von Empathie.

Unterstützt wird dieses Programm noch durch die Anlage der Geschichte als Du-Erzählung, die Leserin und der Leser werden also immer direkt angesprochen: Man erfährt Gewalt, Elend, Hunger, Diskriminierung sozusagen am eigenen Leib. Und diese deutliche Erzählintention wird auch noch durch die Gestaltung des Bändchens verstärkt: Es kommt in der Aufmachung eines Reisepasses daher. Ergänzt wird der Text durch eine Vielzahl von eindrücklichen Farbillustrationen (von Helle Vibeke Jensen), die von einer Vignette bis hin zur doppelseitigen Skizze reichen. Im Nachwort schließlich weist die Autorin das Werk, dass sie sehr missverständlich als „fiktiven Essay“ ausgibt, als „Einladung an die Vorstellungskraft“ aus und bezieht sich explizit auf die Charta der Menschenrechte; der normative Zugriff wird hier also nochmals hervorgehoben.

In ihrem didaktischen Konzept setzt Teller allerdings konsequent auf den pädagogischen Hammer: Ihre kontrafaktische Welt bleibt eine grobe Skizze, angelegt auf eine möglichst drastische Zuspitzung. Daraus ergeben sich zwangsläufig inhaltliche Pauschalisierungen und verzerrende Vergleiche zwischen dem Jetzt-und-Hier und der Fiktion, stichwortartig genannt seien die Themen Asyl in Verbindung mit dem Lagerleben, Pluralismus, Religion und Scheinehe. Besonders drastisch und durchaus unplausibel werden Problemkonstellationen auf die Figur der Schwester des vierzehnjährigen Protagonisten gehäuft. Überhaupt treten, wie schon in „Nichts“, erzählerische Qualitäten leider sehr deutlich hinter die dominante pädagogische Intention zurück. – Es ist bei dem sehr geringen Umfang dieses Bändchens (59 Seiten im Sedezformat, inklusive Illustrationen und Nachwort) nicht ersichtlich, warum hier nicht sorgfältiger literarisch-ästhetisch gestaltet wurde.

Trotzdem sollte das Werk den Weg in die Klassenzimmer finden, weil es durch den Kunstgriff der Verkehrung der Welt bewusst machen kann, dass Frieden und Menschenwürde Themen sind, die jeden von uns angehen – nicht zuletzt auch deshalb, weil wir selbst einmal diese Güter entbehren könnten. Außerdem macht das Werk ex negativo deutlich, welches Privileg es bedeutet, im heutigen Westeuropa aufzuwachsen. Und für das literarische Lernen finden sich ja genügend andere skandinavische Autorinnen und Autoren ...



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