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Poppe, Grit:
Weggesperrt
Hamburg: Cecilie Dressler 2009.
336 Seiten.
€ 9,95.
Ab 14 Jahren.


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Poppe, Gritt: Weggesperrt
Wo das Ich nicht existiert
von Adil Achiq, Jessica Neweling und Nana Wallraff

„Diese ganze Situation ist einfach ein idiotischer Witz! Einer von den blöden Witzen, über die man nicht lachen kann und die deshalb auch traurig sind, irgendwie.“ So denkt Anja (14), DDR-Staatsbürgerin und Protagonistin von Grit Poppes Jugendroman „Weggesperrt“ über die Überwachung ihrer Mutter durch die Staatssicherheit. Anja hält die Mutter sogar für paranoid und kann deren Nervosität nicht verstehen. Doch dann erfährt Anja selbst die Macht des sozialistischen Systems in voller Härte.

Als die Mutter einen Ausreiseantrag stellt, wird sie von der Staatssicherheit verhaftet, und auch Anja wird zum Verhör abgeführt. An ein Missverständnis glaubend, hofft das Mädchen zunächst, dass das „Kaspertheater“ bald ein Ende hat, und sehnt die Rettung durch die Mutter herbei. Doch schnell begreift sie, dass es anders kommen wird: Von der Stasi als „Staatsfeindin“ deklariert, wird ihrer Mutter die Fähigkeit abgesprochen, Anja zu „einer allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ zu erziehen. Das Mädchen wird in diversen Heimen untergebracht, in denen seine Erziehung von staatlicher Seite übernommen werden soll. Seinen traurigen und erschütternden Höhepunkt findet Anjas Odyssee mit ihrer Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Noch stärker als zuvor ist ihr Alltag dort von Gewalterfahrungen geprägt, und die Willkür der Aufseher nimmt noch unmenschlichere Züge an. Während Anja zu Beginn ihres Martyriums ungeachtet bestehender Verbote noch Interesse an den anderen Jugendlichen zeigt, treibt sie der Gedanke, dass es „nur das eigene Gesicht [gibt], hinter dem man sein Ich verbergen“ muss, immer weiter nach innen. So ist es auch zu erklären, dass sie ihr anfänglich wehrhaftes, raubkatzenartiges Verhalten nach und nach ablegt: Sie wehrt sich nicht mehr, sie hält nur noch durch. Schließlich bleibt ihr nur Rilkes Panther, den sie in Gedanken zitiert, und der ihr in einer Situation der völligen Isolation in Einzelhaft Beistand leistet. „Der Panther beschützte sie Tag und Nacht. Und sie dachte manchmal, dass sie ohne ihn wohl verrückt werden würde. Schließlich spürte sie sogar sein Herz.“

Immer wieder fragt Anja nach dem Warum. Äußert sie anfangs ihre Fragen auch laut, stellt sie sie später nur noch in Gedanken. Auf diese Weise kommentiert sie alles, was ihr zustößt. Und je mehr sie hinterfragt und doch gleichzeitig resigniert, desto klarer wird, dass ihre Mutter die wichtigste Antwort bereits zu Anfang gegeben hat: „Damit wir wissen, dass sie die Macht haben und wir nichts“.

Grit Poppe schickt ihre Protagonistin durch ein schockierendes Martyrium, das die Methoden der absoluten Einordnung ins Kollektiv, des Drills, der Reglementierung jeglichen alltäglichen Handelns in bedrückender Weise veranschaulicht. Anjas Geschichte ist fiktiv. Die Jugendwerkhöfe jedoch gab es wirklich.So stehen die Kinder und Jugendlichen in „Weggesperrt“ stellvertretend für die zahlreichen Opfer, die in den Erziehungshöfen der DDR misshandelt und psychisch gebrochen wurden und denen während ihrer „sozialistischen Umerziehung“ jegliche Menschenwürde genommen wurde. Dabei spiegelt die facettenreiche Darstellung der Figuren die Unmenschlichkeit eines Systems wider, das geprägt war von Machtmissbrauch, Einschüchterung und Angst.

Einfühlsam gelingt es der Autorin, inmitten der Tragik Elemente der Hoffnung aufscheinen zu lassen. So lernt Anja Tom lieben, einen jungen Mann, dem ein ähnliches Schicksal widerfahren ist wie ihr selbst. Und ihre Bettnachbarin Gonzo, die ihr zu Beginn so merkwürdig erscheint, entwickelt sich zu einer wichtigen Leidensgenossin, deren selbstzerstörerisches Handeln Anja am Ende doch so gut nachvollziehen kann. Und schließlich kommt der Herbst 1989 und mit ihm eine längst vergessene Hoffnung auf Veränderung.

Grit Poppe schlägt mit „Weggesperrt“ ein sehr düsteres und doch weitgehend unbekanntes Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte auf, das existierte, ohne öffentlich existent zu sein. Mit Groll stellt Anja fest, dass die Anderen „ihr ganz normales Leben gleich nebenan“ weiterführen, während sie völlig unschuldig in Gefangenschaft des sozialistischen Systems von dessen „Erziehern“ mehr und mehr zu Grunde gerichtet wird.

Zum Jubiläum des Mauerfalls rückt die Verfasserin ein Thema in die Öffentlichkeit, das zu lange ein Tabu war und bis heute beschwiegen wird. Sie hat die Abläufe in den Jugendwerkhöfen mit der Unterstützung von Zeitzeugen sehr genau recherchiert und ergänzt in der Nachbemerkung geschichtliche Fakten. Dabei erlaubt der auktoriale Erzählstil den Leserinnen und Lesern dieser sehr bedrückenden Erzählung die notwendige, die entlastende Distanz. Entstanden ist ein fesselnder Roman, der insbesondere durch das Wissen um seinen Hintergrund Beklemmung auslöst und auch deswegen zur Pflichtlektüre nicht nur für Jugendliche gehören sollte.



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