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Parr, Maria:
Sommersprossen auf den Knien
Illustriert von Heike Herold.
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Hamburg: Cecilie Dressler 2010
256 Seiten
€ 12,95
Ab 8 Jahren
Illustriertes Kinderbuch

Parr, Maria (Text) und Heike Herold (Illustration): Sommersprossen auf den Knien

Der Wirbelwind von Glimmerdal

von Hanna Schubert und Lena Wolfgarten (2010)

Tempo und Zuversicht. Das hat sich Tonje zum Grundsatz gemacht. Tonje ist fast zehn Jahre alt und hat rotes wildes Haar. Sie lebt in einem winzigen Dorf in Norwegen namens Glimmerdal. Dort ist sie das einzige Kind. Trotzdem hat Tonje niemals Langeweile. Wann immer es geht, macht sie das Glimmerdal unsicher. Ihr allerbester Freund ist ihr 74-jähriger Patenonkel Gunnvald. Dieser baut die schnellsten Rennrodel und kann wunderbar Geige spielen. Auch wenn Gunnvald manchmal etwas mürrisch ist, weiß Tonje, dass sie nirgends einen besseren Freund finden könnte

Doch in diesem Jahr verändert sich einiges im Glimmerdal. Seit der Ankunft eines geheimnisvollen Briefes benimmt sich Gunnvald sehr merkwürdig, findet Tonje. Doch das hat sie bald fast vergessen, denn ausgerechnet auf dem Wellness-Campingplatz von Klaus Hagen, wo Kinder eigentlich streng verboten sind, begegnet sie Ole und Bror. Tonjes größter Wunsch, nicht mehr das einzige Kind im Glimmerdal zu sein, geht in Erfüllung, und die Kinder verbringen ihre schönsten Winterferien zusammen.

Eines Tages stolpert Gunnvald über seinen Kaffeekessel und verletzt sich so schwer, dass er operiert werden muss. Während er im Krankenhaus ist, taucht eine schlecht gelaunte riesige Frau mit einem gefährlichen Hund auf seinem Hof auf, die Tonje schließlich vom Hof vertreibt. Tonje ist empört. Sie lässt sich von ihrem Vater die Geschichte von Gunnvald und der geheimnisvollen Heidi erzählen. Danach ist nichts mehr wie vorher: Soll Heidi wirklich Gunnvalds Tochter sein, die vor dreißig Jahren von ihrer Mutter aus dem Glimmerdal nach Frankfurt geholt wurde? Und was geschieht, wenn Heidi ihre Ankündigung wahr macht und Gunnvalds Hof verkauft?

Maria Parr traut sich in ihrem Werk an einen eher herkömmlichen alten Erzählstil, wie man ihn heute kaum noch in Kinderbüchern findet. Ein auktorialer Erzähler liefert dem Leser durch dezidierte Beschreibungen der Schönheit der Natur, von Gefühlen und dem Umgang mit Tieren ein besonders lebhaftes Bild der Welt im und um das Glimmerdal. Die Autorin schafft eine dichte Atmosphäre, sodass man sich die Winterlandschaft in den Bergen und Wäldern Norwegens nicht nur vorstellen kann; gerne würde man selber nochmal zum Kind werden, den ganzen Tag mit dem Rennrodel durch das Glimmerdal sausen und abends gemütlich bei Gunnvald eine Portion Hirschgulasch essen. Insbesondere die Musik, verkörpert durch die großartigen Geigenkünste von Gunnvald und Heidi, wird in einer einfühlsamen Weise beschrieben. Sie wird zum Mittel, innerste Gefühle auszudrücken und Menschen wieder zu versöhnen.

Begeisternd ist die Vermischung des herkömmlichen, ungekünstelten Schreibstils mit Themen der Gegenwart. Der Unterschied zwischen Land und Stadt, Berufstätigkeit von Müttern und das Alleinerziehen von Kindern spielen in dem Buch eine wichtige Rolle. Schließlich zeichnet sich die Geschichte auch durch die Auflösung konservativer Rollenvorstellungen aus. Die Protagonistin Tonje ist mutig und offen. Sie verfolgt stets ihre Träume und setzt sich mit ganzem Herzen für ihre Freunde und Familie ein. Ein Vorbild für Tonje ist insbesondere ihre emanzipierte Mutter. Diese arbeitet in Grönland als Forscherin und setzt sich für den Schutz der Eislandschaft gegen den Klimawandel ein. Tonjes Vater ist Bauer und lebt mit Tonje auf dem Bauernhof im Glimmerdal. Maria Parrs Werk ist eine Geschichte über ein starkes Mädchen für starke Mädchen.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Gestaltung von Beziehungen zu geliebten Menschen, von denen man aus den verschiedensten Gründen räumlich getrennt leben muss. So erfährt Tonje – neben ihrer eigenen Erfahrung, häufig von ihrer Mutter getrennt zu sein –, dass Oles und Brors Eltern geschieden sind und die Aufrechterhaltung des Kontakts des Vaters zu seinen Kindern schwierig ist.

Insbesondere die Beziehung zwischen Gunnvald und Heidi ist durch eine solche Trennung von Wut und Enttäuschung geprägt. Tonje versucht, zwischen Gunnvald und Heidi zu vermitteln, und erfährt dabei selbst große Enttäuschungen. Aber Tonje bleibt nicht alleine. Ihre Freunde und Familie stehen ihr beiseite und helfen, etwas Wichtiges zu begreifen: „Egal was geschieht, wenn Erwachsene sich trennen, das Kind hat nie Schuld!“ Nur langsam begreift Tonje anhand der starken Ähnlichkeit zu ihrer Lektüre der Heidi-Erzählung von Johanna Spyri die Geschichte zwischen Gunnvald und seiner Tochter Heidi. Auch Gunnvalds Heidi wurde als Kind nach Frankfurt geholt und war von Heimweh zu ihren Bergen und ihrem geliebten Vater geplagt. Spyris Heidi-Geschichte wird als Motor, aber auch als Spiegelbild der Geschichte eingebaut.

Die Geschichte ist in 32 kurze Kapitel gegliedert. Die Überschriften der Kapitel deuten die kommenden Geschehnisse mit einer gewissen Rätselhaftigkeit an und machen das Weiterlesen zur Freude. Die schlichten Schwarz-weiß-Illustrationen im Retrostil der 1960er Jahre untermalen die wichtigsten Szenen eines Kapitels. Dies wirkt nicht überladen, sondern lässt noch genug Platz für die eigene Phantasie. Zur Orientierung des Lesers wurde eine Landkarte des Glimmerdals beigefügt.

An vielen Stellen erinnert „Sommersprossen auf den Knien“ durch die Schilderung seiner Protagonistin und der Umgebung an die Erzählungen Astrid Lindgrens. Parrs Kinderroman scheint wie eine Mischung aus „Die Kinder von Bullerbü“ und „Heidi“. Das Werk verharrt jedoch nicht auf dieser Ebene, sondern spricht Konflikte und Lösungsmöglichkeiten an, die in der heutigen Zeit für Kinder relevant sind. Probleme und Befindlichkeiten der Erwachsenenwelt werden aus der Sicht der aufgeweckten Tonje gezeigt. Der Leser wird durch Tonjes Einfühlungsvermögen, ihre Direktheit, sowie ihre Hartnäckigkeit, die Probleme anzugehen und diese schließlich zu lösen, ermutigt, dass man vieles verbessern kann, wenn man um Lösungen nur bemüht ist. Dies macht den besonderen Charme des Buches aus. Durch die eingängige, leichtverstehbare Sprache kann es von Kindern ab dem Grundschulalter gelesen werden, ist aber ein Lesevergnügen für jung und alt. Nicht umsonst wurde „Sommersprossen auf den Knien“ 2009 als wichtigstes norwegisches Kinderbuch mit dem Bragepreis ausgezeichnet.

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