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Titelbild
Baltscheit, Martin:
Der Winterzirkus
Mit farbigen Bildern von Aljoscha Blau
Frankfurt: Fischer Schatzinsel 2005
96 S., € 12,90

Baltscheit, Martin (Text) und Aljoscha Blau (Illustration): Der Winterzirkus

Das Rezept des Lebens oder ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt

von Anna-Maria Nienhaus und Maren Thomas (2006)

Weihnachtsmänner sind Studenten in Kostümen, und auch die Magier im Zirkus können gar nicht richtig zaubern. So weit, so gut.

Eigentlich beginnt die Geschichte im Sommer. Anna besucht mit ihrer Lieblingstante, der „ollen Ruth“, eine Zirkusvorstellung. Dort erzählt Ruth vom „Winterzirkus“, einem Zirkus von Tieren für Tiere. Und fast hätte Anna ihr diese Geschichte abgekauft.

Jetzt ist Winter. Wie in jedem Jahr steckt Annas Familie bis über beide Ohren in den Weihnachtsvorbereitungen. Mama und Brüderchen Paul backen Plätzchen, Anna und ihr Vater kaufen auf den letzten Drücker noch einen Weihnachtsbaum. Doch etwas ist in diesem Jahr anders. Seit wann sind Igel auf der Suche nach dem Rezept des Lebens? Und kommt die seltsame Musik wirklich von einem Akkordeon spielenden Hund? Sollte Anna zu guter Letzt doch den Raben glauben, die vom Winterzirkus erzählen?

Geschickt vermischt der Autor Martin Baltscheit in seiner Erzählung Realität und Phantasie. Einerseits beschreibt er das alltägliche Familienleben zur Weihnachtszeit: Wieder einmal ist der Tannenbaum zu klein und die Lichterkette funktioniert nicht. Trotzdem verkleidet sich der Vater als Weihnachtsmann, die Weihnachtsgeschichte wird gelesen und es gibt ein Festessen. In diesem familiären Weihnachtszirkus denkt die neunjährige Anna: „Werdet endlich erwachsen“. Doch am Heiligen Abend entdeckt sie unter ihrem Kopfkissen zwei Eintrittskarten für den Winterzirkus, an den sie doch eigentlich gar nicht glaubt. Plötzlich taucht Tante Ruth auf, und von Mutter und Vater unbemerkt machen sich beide – verwandelt als Katze und Maus – mit den Eintrittskarten auf den Weg zum Zirkuszelt.

In der Tradition von E.T.A. Hoffmanns „Nußknacker und Mausekönig“ überwiegen auch beim „Winterzirkus“ mit fortschreitender Handlung die phantastischen Elemente. Durch direkte Ansprachen in tagebuchähnlichem Stil gerät der Leser in eben denselben Konflikt wie die Protagonistin und schwankt zwischen empirischer Alltagswirklichkeit und Zauberwelt. Die einfach gehaltene, punktuell umgangssprachliche Wortwahl wird durch poetische Verse ergänzt. Die Illustrationen Aljoscha Blaus erinnern überwiegend an naive Malerei, die gedeckten Farbtöne und die vielen Schatten passen in die dunkle Jahreszeit. So begleiten die Bilder schlicht den Text und lassen ausreichend Platz für eigene Vorstellungen.

„Der Winterzirkus“ ist weit mehr als nur eine wunderbare Weihnachtsgeschichte. Erst ganz am Ende wird dem Leser – wie auch der Protagonistin selbst – bewusst, dass Tante Ruth seit Monaten tot ist. Der Autor behandelt diese Thematik auf natürliche Weise und als dem Leben zugehörig. So ist die Erzählung todtraurig und zugleich lebensfroh. Auf Annas Suche nach dem Rezept des Lebens gelangt sie zu dem Schluss, dass Glauben bereichernd sein kann, denn „ganz egal, an was du glaubst, und ganz gleich, wem es gefällt, sollte es dem Leben dienen, passt es gut in diese Welt“.

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