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Titelbild
Schendel, Andreas:
Dann tu´s doch
München: Nagel & Kimche 2007
158 S.
€ 14,90
Jugendbuch ab 13 J.

Schendel, Andreas: Dann tu´s doch

Betonkinder

von Julia von Hoegen und Cornelia Schultheis (2007)

„Ihr habt Betonkinder in die Welt gesetzt. Und jetzt wundert ihr euch, dass sie mit Steinen spielen!“

Ein trister, heruntergekommener Plattenbau am Rande von Budapest, in dem die Wohnblöcke nur durch Farbmarkierungen zu unterscheiden sind, wo Mülltonnen Schlösser und Stahldeckel haben, wo ein Farbfernseher eine Rarität ist und wo sich das Löschen der Laternen mit gezielten Steinwürfen zum Sport der Jugendlichen entwickelt hat. Eine Wohnsiedlung, die an einem Fluss liegt der von den Abwässern einer Papierfabrik gefärbt ist, und die durch eine mit Müll übersäte Wiese von einem „Zigeunerlager“ getrennt wird.

In dieser beklemmenden Lebenswirklichkeit wächst der 14-jährige Zoltán mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Peti auf. Seit Zoltáns Vater bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen ist, bringt Zoltáns Mutter den Lebensunterhalt ihrer Familie durch nächtliches Putzen auf. Während sein Bruder aus dieser Enge nach Deutschland flieht, um „gutes Geld“ zu verdienen, verharrt Zoltán in dem Leben am Rande des Existenzminimums. Ohne wirkliche Freunde muss er die Probleme des Erwachsenwerdens allein bewältigen. So wird Aranka, die neue Nachbarin, zum Mittelpunkt seiner Gedankenwelt ...

Und für Aranka kommt alles ganz anders, als sie es sich erhofft hat: Mit dem Umzug nach Budapest hat die 17-Jährige den Besuch eines Internats, ausgelassene Sommerparties und neue Freunde verbunden – eben ein aufregendes Großstadtleben. Statt dessen landet sie in Zoltáns Plattenbau und muss sich allein um ihre frisch geschiedene, nierenkranke Mutter kümmern. Sie leidet unter dieser Last und ist mit der Aufgabe überfordert. „Lass mich gut träumen heut Nacht. Ich habe so lange nicht mehr gut geträumt.“ Kraft kann sie nur aus melancholischen Gedankenspielen schöpfen, die sie in ihrem Tagebuch festhält. Nahrung für ihre Träume von Freiheit findet sie in den Texten Bob Dylans. In diesen sieht sie ihre Gefühle aufgehoben und zum Ausdruck gebracht. Nicht umsonst findet der Leser zu Beginn der vier Hauptkapitel jeweils ein Bob-Dylan-Zitat.

Für Zoltán bleibt Aranka jedoch unerreichbar. Kaum in der Pubertät angekommen, vermisst er eine echte Bezugsperson: Der Vater ist tot, die Mutter hat wenig Zeit, und der ältere Bruder lässt ihn im Stich. Zoltán fehlt es an Halt und Orientierung. Das Bedürfnis nach Nähe glaubt er bei der älteren Aranka stillen zu können. Seine Orientierungslosigkeit steht allerdings im Gegensatz zu Arankas zielgenauer Vorstellung vom Leben. Der Plattenbau ist für sie nur eine aufgezwungene Zwischenstation nach der Scheidung ihrer Eltern. Langfristig strebt sie ein ‚solides’, unbeschwertes Leben an. Zoltán hingegen ist hier aufgewachsen, und viele Möglichkeiten, aus dieser Welt herauszukommen, hat er nicht. Das macht ihn nicht gerade zu einem potentiellen Kandidaten, der Aranka beim Ausbruch aus ihrer Misere helfen könnte; ein besseres Leben kann er ihr nicht bieten. Vielmehr scheint es, als spiele Aranka mitunter nur mit seinen Gefühlen, statt ernsthafte Absichten zu verfolgen. So bleibt es nur bei gelegentlichen Treffen zwischen den Beiden, bei denen sie zum Beispiel versuchen, sich mit Hilfe von Tabletten und hochprozentigem Alkohol aus der erdrückenden Realität hinauszuflüchten. Diese Hilfsmittel, die sich leicht im Keller finden lassen, scheinen der einzige Garant für ein kleines Gefühl von Glück zu sein. „Das sind Psychotabletten [....] Die machen nur glücklich.“

Andreas Schendel erzählt in seinem Jugendroman „Dann tu’s doch“ vom deprimierenden, von Armut geprägten Leben zweier Jugendlicher in einem Randbezirk von Budapest. Es ist sein nüchterner Stil, mit dem er die unbequeme Darstellung von Zoltáns Leben so authentisch wirken lässt. Während der Leser durch Arankas Tagebucheinträge viel über ihre Gefühle und Träume erfährt, bleibt Zoltáns Gedankenwelt durch die in diesen Passagen distanziertere Erzählhaltung eher verborgen.

Wer sich nach literarischer Idylle sehnt, ist mit „Dann tu´s doch“ nicht gut beraten. Wer aber einen authentischen Eindruck von der Lebenswirklichkeit eines Jungen gewinnen möchte, dessen Maßstäbe für Normalität so unbequem anders sind, den wird die Geschichte so schnell nicht loslassen.

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