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Fombelle, Thimothée de
Tobie Lolness
Gerstenberg Verlag
377 Seiten
€ 15,90
Abenteuerroman ab 11 J.

Fombelle, Thimothée de: Tobie Lolness

Das Geheimnis der Wipfel

von Alexandra Widdekind und Johanna Karrenberg (2008)

Wo gibt es Ameisen, so groß wie Elefanten und Menschen, so klein wie Flöhe? – Auf einem Baum. Einer uralten Eiche um genau zu sein. Hier leben neben zahlreichen Insekten auch die Baumbewohner, die aussehen wie Menschen, nur eben sehr viel kleiner sind. Unter ihnen Tobie Lolness und seine Familie, die ein verhängnisvolles Geheimnis hüten ...

„Sie suchten Tobie. Es erinnerte ihn an die Atmosphäre während der Termitenjagd, wenn Väter und Söhne einmal im Jahr im Frühling loszogen, um die schädlichen Tiere bis zu den weit entfernten Ästen zu jagen.“ Aber wer kommt auf die Idee einen kleinen, 13jährigen Jungen zu jagen? Und warum?

Bevor er gejagt wurde, lebte Tobie Lolness gemeinsam mit seinen Eltern in den oberen Ästen. Eines Tages machte sein Vater Professor Sim Lolness eine wirtschaftlich nutzbare Erfindung, die er aus Angst vor einer ökologischen Katastrophe geheim hielt. Dies gefiel den restlichen Baumbewohnern, und vor allem dem brutalen und widerlichen Jo Mitch, gar nicht und so wurde die Familie ins Exil in die niederen Äste verbannt.

Dort lernt Tobie Elisha kennen. Ein geheimnisvolles Mädchen, das anders ist, als andere Kinder in ihrem Alter. Sie wirkt auf Tobie von Anfang an sehr selbstsicher und ihr fröhliches Wesen nimmt ihn sofort in ihren Bann. „Sie lächelte, und das war etwas Neues, das Tobie sehr gefiel. Sie lächelte außergewöhnlich gut für ihr Alter. Normalerweise lächelt man ab vier oder fünf Jahren nicht mehr so gut. Und danach wird es nur noch schlechter. Aber sie lächelte, als wäre es das erste Mal.“ Die beiden werden unzertrennliche Freunde.

Doch eines Tages tauchen Jo Mitch und seine Gefolgsleute in den niederen Ästen auf und versuchen die Familie Lolness zurück in die oberen Äste zu locken. Als der Professor sich erneut weigert, sein Geheimnis preiszugeben, werden er und seine Frau verhaftet. Tobie kann fliehen und wird fortan verfolgt. Die Eltern werden im ausbruchsichersten Gefängnis des Baumes eingesperrt und warten dort auf ihre Hinrichtung. Zusammen mit Elisha schmiedet Tobie einen Plan, um seine Eltern zu befreien.

Timothée de Fombelle verbindet in diesem spannenden Abenteuerroman Tapferkeit, Einfühlungsvermögen und Liebe auf eine ausgesprochen überzeugende Art in seinen Figuren. Durch die eindrucksvollen Beschreibungen der Baumbewohner und ihres Lebensraumes, kann sich der Leser in die riesengroße, kleine Welt auf den Ästen hineinversetzen und erhält eine ganz neue Perspektive auf die Natur. Fachkundig benennt der Autor viele Tiere, die im Baum leben, und gliedert sie in sein phantastisches Modell der Welt ein. Im Buch tauchen an prägnanten Stellen immer wieder Schwarz-Weiß-Zeichnungen von den Figuren und deren Umgebung auf, die zur Veranschaulichung der Lebenswelt der Baumbewohner dienen.

Es lassen sich auch einige Parallelen zu unserer realen Welt ziehen: Die Zerstörung des Baumes erinnert sehr an heutige gesellschaftliche und umweltpolitische Probleme. Die Gefährdung des Lebensraumes durch den wissenschaftlichen Fortschritt und der Missbrauch von Macht werden ebenfalls thematisiert.

Wie ein düsterer Faden zieht sich Tobies Schicksal durch das Buch, doch man erfährt nur bruchstückhaft von der Verfolgung des kleinen Helden, da der Roman in mehrere Zeitebenen aufgeteilt ist. Immer wieder werden Erinnerungen aus Tobies Vergangenheit einbezogen, welche für das Verständnis seiner Situation wichtig sind. Zum Ende rückt die Gegenwart in den Vordergrund, und der Leser kehrt zur Rahmenhandlung zurück. Ein spannendes, aber auch anspruchsvolles Lesevergnügen.

Gelingt dem kleinen Lolness die Flucht vor den brutalen Handlangern des Jo Mitch? Kann er seine Eltern noch rechtzeitig vor dem Tod bewahren? Was wird aus dem Baum? Und was ist so wertvoll, dass man ein Kind so besessen verfolgt? Auf diese und weitere Fragen wird es sicherlich spätestens in dem im Herbst erscheinenden zweiten Teil des Abenteuerromans „Tobie Lolness“ Antworten geben.

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